{"id":22,"date":"2023-02-26T16:02:25","date_gmt":"2023-02-26T16:02:25","guid":{"rendered":"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/?page_id=22"},"modified":"2023-06-26T20:16:40","modified_gmt":"2023-06-26T20:16:40","slug":"lorraine","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/?page_id=22","title":{"rendered":"Lorraine"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/07_Lorraine.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Im Zeichen der Gentrifizierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2017 steht der Neubau an der Lorrainstrasse 25 und hat in diesen sechs Jahren bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Das Wohnhaus wird als Luxusprojekt mit \u00fcberteuerten Mieten kritisiert, und ist immer wieder das Ziel von Vandalen, welche das Geb\u00e4ude mit Farbe \u00abversch\u00f6nern\u00bb oder sogar Scheiben zertr\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"509\" src=\"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/GarageSerini.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-131\" srcset=\"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/GarageSerini.jpg 762w, https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/GarageSerini-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Autogarage Serini (Foto: Urs H\u00e4nsenberger)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf dem Areal der ehemaligen Autogarage Serini, welche im Herbst 2014 abgerissen wurde, entstand in der Folge ein Wohnhaus mit neun 4,5-Zimmerwohnungen (Bruttomiete zwischen CHF 3\u2018300 und CHF 3365) sowie drei 3,5-Zimmerwohnungen (Bruttomiete CHF 2235 bis 3220). Damit wurde das Geb\u00e4ude zum Sinnbild f\u00fcr die Gentrifizierung, welche seit den 1990er-Jahren in der Lorraine zu beobachten ist. Dabei f\u00fchrt die Aufwertung des Quartiers durch Renovationen und Neubauten zu steigenden Mietpreisen und damit zu einer Verdr\u00e4ngung von einkommensschwachen Bev\u00f6lkerungsschichten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25-1024x576.jpg\" alt=\"Neubau Lorrainestrasse 25\" class=\"wp-image-24\" srcset=\"https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25-300x169.jpg 300w, https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25-768x432.jpg 768w, https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/orte-der-geografie.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/NeubauLorrainestrasse25.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Neubau Lorrainestrasse 25 (Foto: Elbe &amp; Giovanelli AG)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht weit von hier, am Centralweg, ist in den letzten Monaten ebenfalls ein neues Wohnhaus entstanden, nachdem das urspr\u00fcngliche Projekt (Baumhaus) viel Kritik hervorgerufen hat. Insbesondere wurde bef\u00fcrchtet, dass die Mietpreise unbezahlbar sein w\u00fcrden. Hier hat das Engagement des VLL dazu gef\u00fchrt, dass die Stadt Bern als Bauherrin ein neues Projekt mit einem 50%-Anteil an g\u00fcnstigem Wohnraum ausgearbeitet hat. W\u00e4hrend der ganzen Zeit wurde das brachliegende Areal zwischengenutzt. Weitere Anzeichen der Gentrifizierung finden sich \u00fcberall im Quartier, aber vor allem entlang der Lorrainestrasse, wo in letzter Zeit einige neue Restaurants entstanden sind, bzw. alteingesessene verdr\u00e4ngt wurden. Als prominente Beispiele lassen sich das heutige Restaurant Okra (bis 2010 Handwerkerst\u00fcbli) oder das Restaurant WerkStadt (bis 2019 eine Spenglerei) erw\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kurze Geschichte der Lorraine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Bau der &#8222;Roten Br\u00fccke&#8220; und die damit einhergehende Erweiterung der Stadt in Richtung Norden in den 1850er Jahren markiert die Geburtsstunde des Lorrainequartiers. Zu Beginn dieser Entwicklung siedelten sich vor allem Handwerker, Bierbrauer, Wirte und Fuhrhalter &#8211; also ein Arbeitermilieu &#8211; im neuen Quartier an. Entsprechend war auch die entstehende Bausubstanz \u00e4rmlich. Die Lorraine galt als Quartier der armen Leute (VLL 2008: 8). Dank seiner N\u00e4he zum Stadtzentrum und dem Umstand zum Trotz, dass der gesamte Eisenbahnverkehr der Linie Bern &#8211; Olten mitten durch das Quartier f\u00fchrte, wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der vorderen Lorraine gr\u00f6ssere und bequemere H\u00e4user gebaut, welche eine entsprechende Klientel anzogen (Hebeisen 1952: 19 &amp; 21, VLL 2008: 8). Interessanterweise war die Region der heutigen vorderen westlichen Lorraine (Lorrainestrasse, Nordweg, Schulweg, Seelandweg) bis dahin unbebaut geblieben (Hebeisen 1952: 21).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die neuere Quartiergeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Aufschwung und der regen Baut\u00e4tigkeit ging es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder abw\u00e4rts. Viele Gesch\u00e4fte gingen Konkurs oder zogen weg und auch die Baut\u00e4tigkeit kam zum Erliegen. Viele der wohlhabenden BewohnerInnen wanderten ab, wodurch die Mietzinse sanken und sich so immer mehr eher \u00e4rmere Menschen im Quartier niederliessen. Mit ausgel\u00f6st hatte diese Entwicklung der erweiterte st\u00e4dtische Br\u00fcckenbau und die damit verbundene Erschliessung weiterer Quartiere in unmittelbarer Zentrumsn\u00e4he (VLL 2008: 10). Aus heutiger Sicht kam die Einleitung des neuerlichen sozialen Aufstiegs mit der Berner 80er-Bewegung. Der Q(uartier)-Hof und die Brasserie Lorraine waren zu Magneten der Berner Autonomenbewegung geworden. Immer mehr junge Menschen aus der alternativen Szene siedelten sich im Quartier an (Blumer\/Tschannen 1999: 43).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>(\u2026) W\u00e4hrend der 1990er-Jahre hielt der Zustrom j\u00fcngerer mittelst\u00e4ndischer Menschen an. In der Folge etablierten sich im Quartier diverse neue Bars, Restaurants, L\u00e4den und Kunstateliers. Dies f\u00fchrte nicht nur zu einem demographischen Wandel, sondern ver\u00e4nderte auch die bauliche Struktur: Immer mehr Strassenz\u00fcge wurden f\u00fcr die zuziehende Mittelschicht saniert, welche sich vom \u201eurban-multikulturellen Flair\u201c, das von der alternativen Szene mit etabliert worden war, angezogen f\u00fchlten (Falco 2007). Diese Sanierungsarbeiten erfolgten meist nur kleinr\u00e4umig und unkoordiniert, was vor allem eine Folge der historisch gewachsenen kleinr\u00e4umigen Besitz- und \u00dcberbauungsstrukturen war. Es ist gerade diese Vielfalt der Bebauung, welche die Lorraine f\u00fcr viele nebst des \u201eLifestyles\u201c attraktiv macht (Stadt Bern 2007b: 16). Dennoch haftete der Lorraine bis zum Ende der 1990er der schlechte Ruf des \u201eGhettos\u201c an. Daf\u00fcr verantwortlich war in erster Linie der vergleichsweise hohe Ausl\u00e4nderInnen-Anteil, die zuziehenden AktivistInnen, der gesamthaft tiefe soziale Status des Quartiers (Stienen\/Blumer 2006: 91) sowie das ebenfalls ans\u00e4ssige Sex-Gewerbe, das noch heute im Quartier pr\u00e4sent ist (Schwendener 2008). (\u2026) Heute [2009] zeigt sich, dass die Lorraine ihr negatives Image absch\u00fctteln konnte, das alternative Flair aber bis anhin behalten hat. (\u2026) Das Quartier steht heute vor einer neuen Herausforderung, denn der Wandel vom \u201eArbeiterquartier zum Trendviertel\u201c (Ott 2008c) hinterl\u00e4sst langsam, aber sicher seine Spuren und zieht immer mehr Menschen an, was dazu f\u00fchrte, dass der Druck auf den Wohnraum qualitativ wie quantitativ deutlich zugenommen hat.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/embed?urn=urn:srf:video:0f1c7427-65b7-4ebf-a9ff-c595d08ba1df&amp;subdivisions=false\" allowfullscreen=\"\" allow=\"geolocation *; autoplay; encrypted-media\" width=\"640\" height=\"360\"><\/iframe>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>Quellen und weiterf\u00fchrende Information<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Blumer, Daniel\/ Tschannen, Pia (1999): &#8222;Wer hat das Sagen im Quartier?&#8220;: Einflussm\u00f6glichkeiten von Akteurgruppen auf die Entwicklung zweier Quartiere der Stadt Bern (Breitenrain und Lorraine), Uni Bern, Institut f\u00fcr Soziologie.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Falco, Daniel di (2007): Der Kampf um die richtige Ordnung, Der kleine Bund, 24.2.2007, Bern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hebeisen, Adolf 1952: Die Lorraine in Bern: Ursprung, Werden und ihr heutiges Sein. Verlag Paul Haupt, Bern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mullis, Daniel (2009): Gentrification und Neoliberalisierung: Die Berner Stadtplanung im Fokus. Eine kritische Analyse der Stadtplanungsdokumente am Beispiel des Lorrainequartiers, Bern: Forschungsberichte des Geographischen Instituts der Universit\u00e4t Bern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ott, Bernhard (2008): Quartier in Bewegung, Der Bund, 12.12.2008, Bern.<\/p>\n\n\n\n<p>Stadt Bern (2007): Gesamtplanung Lorraine, Pr\u00e4sidialdirektion, Stadtplanungsamt der Stadt Bern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Stienen, Angela\/ Blumer, Daniel (2006): Problemquartiere? Die Logik sozialr\u00e4umlicher Segregation, In: Stienen, Angela (Hrsg.): Integrationsmaschine Stadt?: interkulturelle Beziehungsdynamiken am Beispiel von Bern, Bern, Haupt Verlag, S. 83-211.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwendener, Pascal (2008): Rote Karte f\u00fcr Sexsalons, Der Bund, 18.12.2008, Bern.<\/p>\n\n\n\n<p>Verein f\u00fcr ein lebendiges Lorrainequartier VLL (Hrsg.) 2008: Hommage an ein Berner Stadtquartier. L\u00e4bigi Lorraine, Verein f\u00fcr eine lebendiges Lorrainequartier, Vertrieb: Buchhandlung Sinwel, Bern.<\/p>\n\n\n\n<p>Stadttour B\u00e4rn isch eso: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.baernischeso.ch\/lieblingstouren\/ruhige-kugel\/boule-lorrainepark\" target=\"_blank\">Boule: Lorrainepark<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bildquellen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Garage Serini: <a href=\"https:\/\/www.fotohaense.ch\/index.php\/fotogalerien\/bern\/bern-nord-lorraine\">https:\/\/www.fotohaense.ch\/index.php\/fotogalerien\/bern\/bern-nord-lorraine<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wohnhaus Platanenweg: <a href=\"https:\/\/www.elbegiovanelli.ch\/referenzen\/neubau-lorrainestrasse-25-bern\">https:\/\/www.elbegiovanelli.ch\/referenzen\/neubau-lorrainestrasse-25-bern<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zeichen der Gentrifizierung Seit 2017 steht der Neubau an der Lorrainstrasse 25 und hat in diesen sechs Jahren bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. 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